FREIGEDACHT

Doppelter Boden oder Der journalistische Super-GAU

21. Juli 2016
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Über einen Freund, der momentan in den USA mit seinem Startup-Unternehmen Fuß fasst, hatte ich den Kontakt zum Leiter des Research Centers im SETI Institute. SETI steht für Search für Extraterrestrial Intelligence und fasst somit die öffentliche US-amerikanische Forschung nach außerirdischen Intelligenzen zusammen. Mein Ziel war es, mit dem weltweit renommierten Astronomen Dr. Seht Shostak ein Interview zu seiner Arbeit und dem aktuellen Stand der Forschung zu machen. Zudem sollte es bei meinem Vortrag „Buzz Aldrin, SETA und die Wissenschaft“ in Bremen gezeigt werden. So weit, so gut.

Da die Entfernung zwischen meinem bescheidenen niederösterreichischen Heimatdorf und Palo Alto in Kalifornien nicht allzu leicht und kostengünstig zu überbrücken ist, entschied ich mich für ein Interview via Skype. Soweit reicht auch meine technische Kenntnis. Um einen seriösen Beitrag daraus zu machen, war es mir aber noch zusätzlich ein Anliegen, dieses Interview in Bild und Ton aufzunehmen, um es danach als Video in YouTube hochzuladen. Einen mir befreundeten, technikaffinen Menschen – nennen wir ihn Martin – bat ich, mir das notwenige Programm dafür zu besorgen. Gesagt, getan. Zum Probelauf war ich mit meinem Laptop noch bei ihm, alles funktionierte wunderbar.

Am Tag des Interviews – bei uns war es bereits aufgrund der Zeitverschiebung Abend – lud ich den befreundeten Techniker zu mir ein. Ich war für das Interview zuständig und er für die Überwachung der technischen Hilfsmittel. Das Interview sollte ja schließlich auch danach irgendwo gespeichert sein. Das Sakko sitzt, die Augenringe waren überschminkt und das Stamperl selbstgemachter Nussschnaps hat ebenso seinen Weg meine Kehle hinunter gefunden. Ich war bereit. Pünktlich rief der US-Astronom via Skype an. Ich war natürlich zusätzlich nervös, weil dies mein erstes längeres Interview auf Englisch war. Über kurzen Smalltalk stiegen wir direkt ins Interview ein. Es verlief prächtig und ich war bereits während meiner Arbeit zufrieden mit selbiger. Sonst ist das nicht immer so, und ich merke erst im Nachhinein, dass ich gar nicht so schlecht war. Jedenfalls stellte ich sogar einige zusätzlich Fragen, die ich nicht notiert hatte und der amerikanische Aliensucher beantwortete sie gut gelaunt und ausführlich.

Nach einer guten halben Stunde waren meine Fragen beantwortet, wir verabschiedeten uns und Shostak legte auf. Erleichterung auf meiner Seite. Freudig und in Erwartung bat ich den Techniker, mir das Interview zu zeigen. Nach kurzem und mir nicht nachvollziehbarem Herumgeklicke war das Bild da. Nur noch schnell auf Play gedrückt und ich konnte meine Arbeit betrachten. Betrachten, ja. Hören weniger. Das Bild war zwar da und es bewegte sich auch, nur der Ton wurde scheinbar nicht aufgenommen. „Martin, Du kriegst das hin. Oder?!“ Leichte Nervosität kam auf. Weniger bei mir, vielmehr bei Martin, dem Techniker.

Ich begann schon zu schmunzeln, er zu schwitzen. Gute zehn Minuten versuchte Martin die Audiodatei irgendwo auf meinem Computer zu finden. Vergeblich. Schweiß gebadet und sichtlich geknickt erklärte er mir, das Programm nahm scheinbar nur das Bewegtbild auf. Eine gute halbe Stunde einen gestikulierenden Astronomen ohne Ton. Das kann man nicht einmal als Witz verkaufen. Furchtbar entbehrlich. Martin, dem Techniker machte ich natürlich überhaupt keinen Vorwurf, sowas kann passieren. Wirklich! Jedoch wusste ich schon, was auf mich zukam.

Natürlich wollte ich das Interview unbedingt wiederholen und begann sofort mit dem Verfassen einer weiteren E-Mail an den vielbeschäftigten Astronomen. Virtuell gebückt und reell demütig erklärte ich Shostak meine unglückliche Situation und bat, wenn es denn möglich wäre, um ein zweites Interview. Die Antwort kam dann auch recht bald und das Interview konnte ein zweites Mal aufgezeichnet werden. Diesmal ließ ich sicherheitshalber mein Diktaphon mitlaufen, um im weiteren Notfall wenigstens die Audiodatei irgendwie gespeichert zu haben. Ein SUPERGAU für jeden Journalisten. Was lernt man daraus? Fehler passieren. Und: der sprichwörtliche doppelte Boden macht Sinn. Wahrscheinlich immer.

Hier ein Teil des (zweiten) Interviews in Bild UND Ton:


Das Titelfoto ist ein Symbolfoto aus meinem Archiv. Der Herr im grünen Pullover ist weder der berüchtigte Techniker, noch heißt er Martin.

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