GASTDENKER

PHETTBERGS APOKALYPSE

1. Juli 2016
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[Dieser Text wurde mir freundlicherweise von Hermes Phettberg zur Verfügung gestellt. Hermes Phettberg schreibt seit 1992 wöchentlich die Kolumne „Predigtdienst“ für die Wiener Stadtzeitung Falter sowie seit Juni 2016 die Kolumne „Phettbergs Fisimatenten“ für den Augustin. Seit er hirnblutungsbedingt nur noch mit größter Mühe lesen kann, diktiert er. Seine – umfassenderen – Gestionen sind nachlesbar unter: http://www.phettberg.at/gestion.htm. Hermes Phettberg ist erreichbar unter: phettberg@phettberg.at sowie unter den Wiener Telefonnummern 0676/777 28 50 oder 01/596 24 20. (Nachrichten bitte persönlich oder per E-Mail, AB wird nicht abgehört.) Seine Adresse ist: 1060 Wien, Grabnergasse 16/15.]

Radebruch ist all mein Reden. Radegebrochen. Ich bin nur einer, hauptschülrigster Autodidakt und wortfindungsgestört zudem, kann seit den Schlaganfällen nun nicht einmal mehr lesen. Mein Leben besteht nur noch aus „Ö1“-Nachrichten hören. All die Prophezeiungen des Schrecklichen erfahr ich jeden Tag aus den Meldungen auf „Ö1“. Immer tiefer umarme ich Jesus Christus[1], doch philosophisch bin ich ganz unfähig! Als rollender Hinnicher im Rollator ist alles interstellar weit entfernt. Es rast alles so schnell an mir vorüber und ich fass bloß ein winziges Zipfelchen und fass eigentlich gar nichts. Ich fass gar nichts mehr, von den Hunderttausenden, die jetzt nach Europa kommen und bei unsereins Schutz suchen. Ich höre so viele Namen so vieler Staaten und bin total überfordert, kann nicht einmal denken, wie die Länder alle heißen, aus denen die Fliehenden fliehen. Bin allein mit meinem Computer und meinem hinnigen Hirn. Doch ich möchte so gerne stiften, geben und schenken.

Die Apokalypse führt sich uns live vor: Das Unheil der Welt empfand ich noch nie so arg wie jetzt, ganze Völker wandern und kein „Gott“ dirigiert und ordnet. Die Schlepper, auf Profit aus, lassen den Fliehenden nicht einmal genug Luft zum Atmen, lassen sie dann im Kühlwagen ersticken. Im Libanon, selbst ein kleines, armes Land, leben inzwischen zwei Millionen Geflohene, auf zwei Libanesen kommt ein Flüchtling. Schon im letzten Winter sind dort Kinder erfroren, und im Jahr 2015 wurden viele Hilfsgelder auf die Hälfte gekürzt. Das UNHCR klagt seit langem darüber, dass ein Riesenloch auseinanderklafft zwischen den zugesagten und den tatsächlich eingetroffenen Hilfsgeldern für die Millionen Flüchtlinge in den Staaten des Nahen Ostens. Die Situation ist trostlos, wieder werden einige der Allerschwächsten den Winter nicht überleben. Zigtausende Menschen versuchen aus Afrika in einem Boot nach Europa zu fliehen. Und etliche kommen auch dabei ums Leben. Schon seit 2012 ist die Rede vom „Massengrab Mittelmeer“. Da hört sich doch alles Menschsein auf! Und die europäischen Regierungen bauen schamlos Zäune und diskutieren, diskutieren, diskutieren … So wie sich nach dem Zweiten Weltkrieg kein Gedicht mehr gehörte, gehört sich jetzt gar nichts mehr, gehört sich kein Lebenszeichen mehr?

Wie hart wir sind, und wie rührselig andererseits. Und wie sterblich wir sind. Es ist unglaublich schrecklich am Leben zu sein und sich am Leben zu halten. Ich muss aufhören zu schreiben, weil ich sonst zu flennen beginne. Tränen sind ja immer Selbstmitleid. Und das wiederum ist der BEGINN der sozialen Idee. Also funktioniert glaube ich, der Beginn der sozialen Idee. Von Jesus wird gesagt, er ginge auf Wasser, und er hätte Wasser in Wein verwandelt usw., und sich in solchen Wundern offenbart. Die soziale Idee Jesu ist „ES“ aber eigentlich („TEILE DEIN BROT“)! Und es gibt keinerlei Ende dafür und ich wüsste kein Argument, das je recht gehabt hat, wo sie zu weit ginge. Ich hab die geringste Ahnung von Rechtschreibung. Und erlern sowieso nichts mehr. Aber ich möcht herzinnig leben! Ja, jeder einzelne Mensch, der mit mir redet, erreicht mein Herz. Und auf jeden Fall bin ich ein Genosse Jesu bzw. wäre ich es gern … Wir strahlen doch alle Innigkeit aus, wollen allen alles darbringen, wieso gelingt es uns nicht?

Stefan Ebner aus Feldkirchen hat mir einmal ein Gedicht von Wolfgang Borchert gemailt:

Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind
für Dorsch und Stint
für jedes Boot –
und bin doch selbst
ein Schiff in Not.

Noch niemals hat ein Verstorbener zu einem Lebenden verständiger geredet als dieser Text.

Die „Offenbarung des Johannes“ ist das hinterste Buch des Neuen Testaments, sie fängt an mit den Worten „Dies ist die Wesens-Enthüllung Jesu Christi“. Wenn wir heute das Wort „Apokalypse“ hören, denken wir an Weltuntergang, Unheil und Verderben, und wenn ich die letzten Kapitel der Offenbarung betrachte, scheint alles immer schrecklicher zu werden. Und wenn ich die Zustände hier auf Erden anschaue, auch. Doch eigentlich bedeutet „Apokalypse“ das Gegenteil von Verschleierung – daher eben „Enthüllung, Entschleierung, Offenbarung.“ Die „Offenbarung“ scheint mir allerfeinste Literatur, doch ich habe nie einen richtigen Zugang gefunden zu ihr, verstehe so vieles nicht, was darin geschrieben steht, und was doch keineswegs nur Furcht und Schrecken in den Menschen erzeugen soll, sondern, ganz im Gegenteil, als Trost gedacht ist. Die „Offenbarung des Johannes“ schließt mit den Worten: „Die Gnade Jesu sei mit allen.“ Mit allen. Es steht da nicht „mit allen gläubigen Christen“, es steht da nichts von römisch-katholisch oder von evangelisch oder jüdisch oder hinduistisch oder islamisch oder buddhistisch oder atheistisch oder Fliegendes Spaghettimonster und was es alles sonst noch gibt, nein, es heißt ganz schlicht, einfach und all-umfassend: Die Gnade Jesu sei mit allen.[2]

In der Offenbarung geht es mitunter ziemlich grausam zu, etwa in Kapitel 19, der Schilderung des Kampfes des Reiters auf dem weißen Pferd – wie gesagt, ich habe nur Hauptschule und mir fehlt soviel Wissen, das wohl nötig wäre, um das alles „richtig“ zu verstehen, aber ich ahne, dass dies hier wohl ähnlich sich verhält wie mit dem Konzept „Hölle“? Mit letzterem wurde ja Generationen von Katholiken gedroht, dass sie dort nach dem Tod auf ewig braten würden, so sie nicht aufhören, zu „sündigen“, um sie zu erziehen. Bis es dann endlich aber hieß, teilweise sogar von der offiziellen katholischen Kirche, die Hölle gäbe es gar nicht, oder sie wäre leer, oder sie sei „nur“ individuell gemeint, sei die Hölle, die jeder Mensch nach seinem Tod oder auch schon zu Lebzeiten mit sich selbst durchmacht, durch Auswirkungen krankhafter Verdrängung etwa.

Etymologisch geht „Hölle“ auf die germanische Sprachwurzel für „verbergen“ zurück, ist das Verbergende, stellt somit also das genau Gegenstück zur „Offenbarung“ dar. Diese wiederum kann daher auch als heilsamer Prozess der Bewusstwerdung ansehen werden, sodass in den drastischen apokalyptischen Szenen gar nicht den sündigen, unmenschlich hart gewordenen Menschen hier so vehement und grausam der Garaus gemacht wird, sondern dem Bösen an sich?

Im Johannes-Evangelium geht es um die Beziehung zwischen Jesus und seinem Vater – laut „meinem“ Pfarrer Schmeiser sagte Jesus zu Gott „Papi“, verwendete also die innigste Form des Wortes „Vater“ – und Jesus sagt, er sei im Namen Gottes hier auf Erden bei uns Menschen, und Gott sei in seinem Namen, und weil er Angst hat, dass „wir“ als Waisen verkommen würden, wird Gott „uns“ festigen! Denn die Apostel saßen schlotternd und voller Angst im Gebäude am obersten Zimmer, wo auch Jesus das letzte Abendmahl mit ihnen feierte. Alle waren innig verbunden in der Idee Jesu‘ des gemeinsamen Brotbrechens und -teilens. Selbst Maria, die Mutter des gekreuzigten Jesus. Denn in allen anderen Familien wäre es normal gewesen, wenn Rache geübt würde um einen auf solch furchtbare Weise verlorenen Sohn. Welch gewaltige Innigkeit Gottes muss Jesus verbreitet haben, dass im ganzen Neuen Testament keine Spur von Rachegelüsten aufkommen kann!

Da wir ja vom Fruchtwasser als Embryonen an, immer nahe am Ertrinken sind, harren wir alle auf Rettung. Alle immer. Immer sehnt sich alles nach einem „Erlöser“. Aber ich muss weinen, bin vom Glauben abgefallen und leider Atheist – dabei wäre ich so gern Jesu‘ Jünger. Es gelingt und gelingt mir nicht, an eine Gottheit zu glauben.

Wenn es einen „Gott“ gäbe, da hätte Gott schon längst sich eingemischt in unsere Religions-Mörderei. Ein „Gott“, wenn es ihn gäbe, würde wissen, wie er „uns“ – sein Terrarium – besänftigte! Die Worte von David Steindl-Rast[3] über Gott und die Religionen, Achtsamkeit, Behutsamkeit, Dankbarkeit, und dass alle Religionen wertvolle Schätze der Menschheit sind … so wären auch meine Worte, wenn ich sie hätte!!! Ich habe meinen Eltern so viel Abbitte zu leisten und hab nichts, außer Tränen. Ich Wurm weine endlos, dass es keine Gottheit gibt. Ja, ich bin in die römisch-katholische Religion voll Vertrauen hineingeköpfelt. Ohne schwimmen je gelernt zu haben. Wollte sogar Pfarrer werden, so sehr, dass ich sogar schon als Postulant in Klosterneuburg gelandet war. Vertrauen, also Glauben ist absolut richtig, es wäre eine schreckliche Welt, wenn vom Ausgang aus  i m m e r  misstraut und beargwöhnt würde. Aber ich dachte wirklich all die Jahrhunderte meines Lebens den Kinderglauben, dass es wirklich eine Gottheit gäbe. Aber es ist keinerlei Gottheit für mich zumindest zu erkennen. Ich bin ein Atheist, der weint, weil es zu schön wäre, wenn es diese Gottheit gäbe. Und ich weine um die vielen wegen Religionskriegen oder ihrer Gesinnung oder Religion Ermordeten! Ich weine wiederum. Ohne Ende ist zu weinen.

Ich liebe Jesus, den radikalsten „Revolutionär“! Jesus als Idee des Sozialen und als Erfüllung des Seelischen. Die REVOLUTION, die „Jesus“ tat = unentwegbar LIEBEN! Lieben und UM-ARMEN,  das Armsein umverteilen. Jesus war schon vor Jahrtausenden Sozialrevolutionär. Die Kirchen haben aus Jesus eine niedliche Figur gebildet. Die seelische Erfüllung gelingt dir nur, wenn Du Jesus in deine Parrhäsie, deine freimütige Rede, hineindenkst. Freimütig, das heißt, frei von  Furcht und voller Mut in Liebe die Wahrheit sagst, auch, wenn es riskant ist: also de facto du selber zu Jesus wirst, deine freimütige Rede aus Jesus „dir“ erwächst. Deine Spontaneität soll in der Liebe Jesus schwimmen, wenn dir Menschen begegnen, möge doch „aus dir“ Jesus erstrahlen! Jesus erfüllte die Welt mit Liebe. Also erfüll’ du sie auch!

Wie soll eine Weltordnung entstehen, wenn wir nicht solidarisch weltweit werden werden? Wenn wir nichts riskieren, wird der Frieden nicht wachsen können. Papst Franziskus predigte in Sarajevo: „Versucht, weltweit Frieden zu stiften, wo es nur geht!“ Nicht Frieden bringen, Frieden bringen wollen hieße, sich lieb und still verhalten. Aber „Frieden stiften“ heißt, Frieden revolutionieren, das strengt an! Dankbar bin ich für jeden Zorn, aber nicht für Gewalt. Da kommt absolut nichts dabei heraus. Jemand Weiser hat einmal gesagt: Friede braucht keine großen Worte, sondern viele kleine Schritte. Bevor wir, also ein Gegenüber und ich, in eine neue „Kriegshetze“ verfallen, wenn wir konträrer Meinung sind, hör ich immer auf, zu streiten, versuche es zumindest fest. Denn mehr als die Gerechtigkeit ist der Frieden. Der Frieden ist alles! Absolut alles.

Eine der Chassidischen Geschichten von Martin Buber beinhaltet, dass einer Theologie studiert und dann im Alter siecht und in allen Lebensabschnitten schrumpft und schrumpft. Als junger Student will er die ganze Welt sanieren – gewaltige Pläne, wie es gut ginge mit der Welt, und immer weiter und weiter dringt er im Erkennen, und immer weiser und selbstgenügsamer wird er. Der letzte Bericht von ihm schließt in etwa: „Nun strebe ich einzig an, untadelig vor mir selbst da zu stehen.“ Jeder Mensch leidet an seinen Nöten in der Kindheit sein Leben lang. Aber ich habe einen Polarstern, das zärtliche Sozial-Sein. Nur dies ist es, das für alle Menschen Heimat bietet. In „Erfüllte Zeit“ auf „Ö1“ gab Herman van Veen vor Jahren einmal ein gigantisches Interview[4], er ist in keiner Religion, aber er weiß, dass die Seele alles weiß und unendlich klug ist, du musst nur richtig fragen, und schon kommt die Antwort. Entweder durch Einfall oder Blickwinkel. Ich fühle jedes Wort mit ihm. Also wirkt die Sonne in mein Gemüt. Das Interview mit diesem Giganten wird mit einem Lied von Van Veen. abgeschlossen: „Ich hab ein zärtliches Gefühl für jeden Mann, jede Frau.“ Die Sonne wirkt!

Dass es allen Menschen gut geht, dass es keine Kriege gibt, das ist mir heilig. Was für Mühe, Brot zu erwerben. Und wie wenig „Brot“ die Menschheit eigentlich braucht und bräuchte und wie viel mehr Freude wir haben könnten und einander ALSO spenden könnten. Wir „Menschen“ erfüllen uns, wenn wir Gutes stiften. Christus hat in seiner Begabung wunderbare Beispiele „gewirkt“. Die wundersame Brotvermehrung z.B.: So wenig war da, das wurde verteilt und SOVIEL kam zurück. Wenn unsere Herzen zusammengreifen, würde die Welt alles vermögen! Wenn Wärme sich breit macht, geschieht Wunderbares! Alle Herzen haben eine gewaltige Potenz. Es könnte ja ein Treffen der Herzen stattfinden, denn wir haben ununterbrochen alle von allem & allen zu lernen. So schauen wir ununterbrochen alles von einander ab und so webt und wölbt sich die Erde. Fülle und Gewebe ergeben einander. So schmiegt sich alles zu allem. Ich weine und schmiege mich hinzu. In Not sind wir riesengroß, und unser Herz vergisst die kleinste uns je widerfahrene Wohltat nie mehr. Das heizt mir ein und gibt mir Hoffnung. Natürlich ist alles Hoffen ein Hoffen auf eine neue Täuschung, die dann von der Ent-Täuschung erlöst wird. So ballt und zerstiebt alles immer. Konfetti rieseln herab.

[1]    Jesus hat immer die Liebe im Zentrum seiner Gedanken gehabt. Alle Religionen und alle Sekten, die Jesu’ Wesen         begriffen haben, sind niemals Konkurrenten.
[2]   „Die Gnade Jesu, unseres Herrn, sei mit allen.“ (Offb. 22,21)
[3]   http://www.dankbar-leben.org/index.php/dankbarkeit-leben
[4]   „Erfüllte Zeit“, 10. 02. 2008, 7.05 Uhr – 8.00 Uhr, Österreich 1


Hermes PhettbergHermes Phettberg ist Publizist und Elender in Wien. Von 1995 bis 1996 war er Moderator seiner eigenen Talkshow „Phettbergs Nette Leit Show“ im ORF. Seit 1992 schreibt er für die Wiener Stadtzeitung Falter eine wöchentliche Kolumne.

www.phettberg.at

Portraitfoto: ©Wolfgang H. Wögerer, Wien

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