FREIGEDACHT

Zwitschernd in den Meinungskonformismus

12. März 2016
twitter

Wenn es einen Hort der Rechthaberei, der Hypokrisie und der vermeintlichen Elite der Menschheit gibt, dann ist es der Microblogging-Dienst Twitter. Personen, die zu wenige Follower haben, werden oft einfach ignoriert und haben so nicht die Möglichkeit an der Kommunikation mit an der Follower-Zahl besser bestückten Personen teilzunehmen. In dieser selbstgeformten Elite der versammelte „Twitteria“ mag es zwar unterschiedliche Meinungen geben, die teilweise zu hitzigen Diskussionen führen, Wortmeldungen von weniger bekannten Usern werden aber entweder gekonnt übersehen oder von den jeweiligen Followern der meinungsvertretenden Personen in die Wertlosigkeit der Twitter-Welt verband.

DIE FIFTY SHADES OF GREY SUCHT MAN HIER VERGEBLICH
Graustufen in der Meinungsfindung des gemeinen Twitter-Users sind in den meisten Fällen Mangelware ohne Nachfrage. Extreme Positionen hingegen scheinen sich auszuzahlen. Dieses Phänomen mag an der vorgegebenen Länge eines einzelnen Tweets liegen. Diese liegt nämlich bei 140 Zeichen. Und in diesen 140 Zeichen lässt sich schwer eine differenzierte, abgewogene Aussage abbilden. Pointierte Äußerungen, die oft zu provozierenden Handlungen führen, gehen sich da locker aus. Ein Blödsinn tippt sich halt schnell und das Absenden kostet ja auch nicht übermäßig Zeit. Zielt Twitter genau darauf ab? Auf die Polarisierung? Darauf, Menschen zu Schwarz-Weiß-Denkern zu machen? Ich denke nicht. Die Twitter-Entwicklung in Österreich scheint ein ganz eigene, eine vom Rest der Welt abgekapselte zu sein. Warum diese Cyber-Evolution in Österreich gerade so stattgefunden hat und sie sich trotz des grenzenlosen Internets an die Landesgrenzen hält, weiß eventuell ein Darwin 2.0. Vielleicht werden in Österreich gerade die Charaktere, die ihr bisheriges Leben der Ermangelung der differenzierten Betrachtung gewidmet haben, von Twitter angezogen. Weil sie dort sein können, wie sie schon immer sein wollten. Pointiert, scharfzüngig, aber vor allem rechthaberisch. Dies in einem Umfeld, in dem (berechtigte) Kritik ein nicht allzu hoher Stellenwert eingeräumt wird. Im echten Leben tut Kritik natürlich weitaus mehr weh, als in einer Welt, in der die Kritiker mit einem Klick stumm geschaltet werden können. Und wer jetzt glaubt, hier handelt es sich um ein rein männliches Erscheinungsbild, der täuscht. Tatsächlich habe ich in meiner eigenen Twitter-Aktivität und -Beobachtung den Eindruck bekommen, es handele sich bei diesem Verhalten meist um Männer. Jedoch gibt es natürlich auch immer wieder Frauen, die der unreflektierten Borniertheit frönen. Dies ist selbstverständlich ein subjektives Meinungsbild und keinesfalls repräsentativ.

MEINUNGSVIELFALT OFT UNERWÜNSCHT
Die Gefahr der einhelligen Meinung, wegen Aussagen in den Himmel gelobt zu werden und Kritik bewusst zu ignorieren oder lächerlich zu machen, ist nicht zu unterschätzen. Zudem kann dies eine enorme Auswirkung auf das Verhalten der in der Öffentlichkeit stehenden Person, sprich den tonangebenden Usern in Twitter haben. Die Personen der Öffentlichkeit holen sich für ihr Verhalten im echten Leben in Twitter die Bestätigung. Diese werden sie immer finden, denn in einer selbst erstellten „Bubble“ ist die Anzahl an Fans durchaus nicht zu unterschätzen. Fluch und Segen liegen in der Möglichkeit, sich eine sogenannte „Bubble“ zu schaffen. Gemeint ist hiermit ein bewusst ausgewähltes Umfeld. Grundsätzlich ist das nichts Verwerfliches. Ich kann ad hoc eine Handvoll Menschen nennen, die ich nicht in meinem Umfeld im echten Leben haben möchte und daher bewusst ausschließe. Aus den verschiedensten Gründen.  Schon habe ich mir meine eigene „Bubble“ im echten Leben kreiert. Jedoch besteht im virtuellen Leben die Gefahr, seine „Bubble“ so weit zu dezimieren, bis nur mehr Menschen mit derselben Meinung übrig bleiben. Nämlich der eigenen. Auf den Blutdruck wird sich das positiv auswirken, auf die differenzierte Meinungsbildung und die Entwicklung der Persönlichkeit vermutlich eher weniger. Man kommt in die Versuchung, das Unangenehme, die Kritiker und in weiterer Folge das Gegenteilige stumm zu schalten. Ich meine eindringlich, dass diese Entwicklung in unserer Gesellschaft mit großer Skepsis zu betrachten ist. Dass es die Option des Blockens in virtuellen Treffpunkten gibt und man so manchen Personen den Kontakt verwehrt, halte ich für unabdingbar. Im Internet bewegen sich genug fragwürdige Gestalten, und wer nicht ständig von diesen belästigt werden will, soll das Recht haben, sie aus seinem Umfeld auszuschließen. Hier steht allerdings jeder vor einer Gratwanderung der Feinsinnigkeit, in der man für eine geregelte Diskussionskultur in seiner „Bubble“ sorgt, aber nicht der Versuchung nachgibt und alle Andersdenkenden blockiert. Die Grenze muss natürlich jeder selbst finden. Hier braucht es Fingerspitzengefühl, das einem Menschen, der aus seiner Schwarz-Weiß-Betrachtung nicht heraus kann, leider oft fehlt. Dies stellt meines Erachtens eine große, aber unterschätzte Problematik in Twitter dar, die auf die Dauer erhebliche Auswirkungen auf das reale Leben hat.

DAS HASCHEN NACH AUFMERKSAMKEIT
Ich nehme mich selbst nicht aus. Würde mir die Frage gestellt werden, ob ich mich bei einem der Social Medias angemeldet habe, um auch Selbstdarstellung zu betreiben, würde ich ohne darüber nachzudenken mit Ja antworten. Natürlich brauchen wir alle in unserem Narzissmus eine gewisse Plattform, um uns selbst (bestmöglich) zu präsentieren. Viele Twitter-User allerdings haben diese Selbstdarstellung auf die Spitze getrieben, die fernab jeder Realität, wie sie außerhalb des virtuellen Lebens nicht anzufinden wäre, exisitiert. Ob es das Posten eines Fotos ist, wenn jemand Hundescheiße am Kinderspielplatz findet und online und für alle mitlesbar darüber seinen Zorn entlädt. Ob jemand schreibt, er habe jetzt Feierabend und gehe nach einem langen Arbeitstag in eine Bar, bis hin zu irgendwelchen belanglosen Gemeinplätzen, die einem zwar eine Vielzahl an Likes (in Twitter in der Form eines Herzens) einbringen, aber meist nicht sonderbar durchdacht erscheinen. Es widert mich teilweise ernsthaft an, in welchem Ausmaß diese nach Aufmerksamkeit gierenden Laiendarsteller auf der Bühne der Virtualität diese bereits vorgekauten, aber leicht abgeänderten Stehsätze in die virtuelle Welt absondern, nur um die Aufmerksamkeit zu bekommen, die sie im echten Leben so wahrscheinlich nie bekommen würden. Wie auch? In Twitter kann man in wenigen Sekunden eine Masse an Personen erreichen, für die man früher Flugblätter verteilen oder teure Annoncen schalten hätte müssen. Nur gäbe es unter diesen Bedingungen keine Reaktion von halbwegs rational denkenden Menschen. Das Herzel vergibt sich schnell. Retweeten (das Teilen einer Nachricht) vermag zwar etwas mehr Überwindung kosten, jedoch ist man auch davon nur zwei Klicks entfernt. Und schon bekommt der Mensch, der den 7385. Gemeinplatz des Tages auf Twitter platziert hat, dem zwar keiner widersprechen würde, sich aber auch keine Diskussion entwickelt, weil Gemeinplätze und Killerphrasen oft Ähnlichkeiten aufweisen oder gar ident sind, seine zehn Minuten Berühmtheit. Eine Berühmtheit, die dem eigenen Ego zwar für eine kurze Zeit das Gefühl der „Ich bin der König der Welt“-Schreis gibt, jedoch nicht mehr wert ist, als der Tweet selbst, auf dem dieses Gefühl beruht.

UND ES GIBT SIE DOCH!
Man sucht sie zwar lange, aber nicht vergeblich. Die differenzierten Denker in Twitter gibt es. Meistens erkennt man sie an einer nicht allzu hohen Follower-Anzahl und an der Zurückhaltung von  sinnbefreiten Tweets. Abseits manch selbstgefälliger Journalisten, selbsternannten Twitter-Stars, die meinen, die Meinungshoheit zu besitzen oder Nationalratsabgeordneten, die entweder in ihrem Parteidenken scheinbar ausweglos verfangen sind oder eine zu intensive Beziehung mit ihren Ideologien führen, gibt es auch noch Menschen, die zwar durchaus pointiert formulieren – eine Notwendigkeit in Twitter – aber mit denen man sich auf eine ausführliche und differenzierte Diskussion einlassen kann. Oft gar nicht öffentlich, sondern per Nachricht. Privat und nicht lesbar für die anderen ist es nämlich möglich, mehr als nur 140 Zeichen zu schreiben. Allerdings fehlt hier der virtuelle Applaus der unbewussten Förderer des Meinungskonformismus. Das muss man aushalten wollen.

Warum ich bei Twitter noch aktiv bin? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich weiß so viel nicht, da kommt es auf dieses Nichtwissen auch nicht mehr an. Vielleicht ist es die Hoffnung, ein durchaus sinnvolles und für großartige Zwecke verwendbares Medium im Ton ein Stück weit unaufgeregter, differenzierter und pluralistischer werden zu lassen. Wunder passieren!

(Andreas Kirchner)


 

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