FREIGEDACHT

Was ist ein Leben wert?

11. April 2018
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Diese Frage ist – zumindest in dieser Causa – falsch. Es geht um den Stafford-Mischling Chico, der vor ein paar Tagen seine beiden Besitzer totgebissen hat. Die Online-Petition „Lasst Chico leben!“ hat bereits mehr als 278.000 Unterstützer. Aber es gibt auch kritische Gegenstimmen, die die Tötung des Hundes fordern. Das schwerste Argument dafür: Ein Menschenleben ist mehr wert. Jo eh. Natürlich ist es das, aber darum geht es hier nicht.

Immer wieder greifen Hunde ihre Besitzer an, immer wieder werden dadurch Menschen getötet. Wenn pathologische Gründe für das Verhalten des Hundes ausgeschlossen werden können, liegt die Schuld in den meisten Fällen beim Menschen. Tierquälerei, falsche Erziehung, massive Vernachlässigung. Der Umgang mit Hunden bedarf Zeit, Geduld, Einfühlungsvermögen, Konsequenz und viele Eigenschaften mehr. Ist der richtige Umgang mit dem Tier nicht gegeben, kann es zum Risiko werden. Ich selbst musste schon drei unangenehme Erfahrungen mit fremden Hunden machen, zweimal davon wurde ich gebissen ohne mich falsch verhalten zu haben.

Jeder mündige Mensch kann sich einen oder womöglich auch gleich mehrere Hunde zulegen, ohne sich davor einer Prüfung unterziehen zu müssen. Bei meiner praktischen Fahrprüfung meinte der Prüfer, es ist ein Waffenschein, den er mir hier ausstellt. Ich könnte das Auto zur Waffe machen, darum muss er sicher sein, dass ich das Vehikel auch wirklich beherrsche. Für das Auto brauchen wir einen Führerschein. Ein Lebewesen, das unter falscher Haltung gefährlich werden kann, bekommt man einfach so. Ein Zugang, den man nicht zwingend verstehen muss. Auf den Hundeführschein für sogenannte Listenhunde möchte ich gar nicht eingehen.

Der Vorwurf, dass aus Chico sowieso kein normaler Hund mehr wird, ist wahrscheinlich sogar gerechtfertigt. Die Fachkenntnis eines Trainers, die ein Hund mit dieser Geschichte benötigt, können bemühte Hundebesitzer nur erahnen. Und selbst wenn die Resozialisierung gelingt, wer bürgt für den Hund, der zwei Menschen tötete, wenn dieser womöglich wieder bei einem privaten Besitzer ist? Aber auch um das geht es nicht. Es geht um mehr. 

Es ändert gar nichts, wenn der Hund getötet wird. Keinem ist dadurch geholfen. Unsere Gesellschaft würde nur wieder einmal ein weiteres Problem über den vermeintlich einfachsten Weg lösen. Ich bin überzeugt, das ist ein Irrweg. Den Hund einzuschläfern wäre die denkbar schlechteste Option und die Diskussion damit wieder einmal beendet.

Chico könnte ein lebendes Mahnmal für den falschen Umgang mit Tieren sein. Eine Chance für unsere Gesellschaft, den Besitz von Tieren und die dazugehörigen rechtlichen Rahmenbedingungen neu zu denken. Eigentlich müsste man mit Chico um die Welt reisen und der Menschheit zeigen, was aus einem Tier werden kann, wenn es unter falschen Umständen gehalten wird. Um des würdigen Lebens der Tiere willen, aber auch um solche Vorfälle in Zukunft im Sinne der Menschen zu verhindern. Es ist unsere Verantwortung, nicht mehr und nicht weniger. 


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