NACHGEFRAGT

„Ein gutes Bild entlässt dich nicht“

25. November 2021

Gut eineinhalb Stunden fahre ich mit meinem Auto Richtung Süden. Konzentriert, aber mit den Gedanken schon im Gespräch, das unmittelbar vor mir liegt. Akustisch begleitet mich dabei der Buena Vista Social Club. Am Ende meiner kleinen Reise parke ich mich in die Einfahrt eines schönen, alten Hauses im Burgenland. Mit Kamera und Diktiergerät ausgerüstet, gehe ich zur großen Eingangstüre, die mir mein Gesprächspartner auch schon öffnet.

Die Tür ist, genauso wie alle Fenster, in einem kräftigen Blau gestrichen. Kroatisches Blau, wie mir von Matthias Cremer, meinem Gastgeber, erzählt wird. Er hat sich gemeinsam mit seiner Frau Marion vor einigen Jahren dieses Haus im Südburgenland gekauft, das damals im Kurier unter „Haus mit Tanzsaal“ annonciert war. Fungierte es früher als Wirtshaus, dient es jetzt dem Fotografen und seiner Familie als Sommerhaus. Ebenso beeindruckend wie der zum Wohnzimmer umgestaltete Tanzsaal ist auch der Garten, der sich weit über einen Hügel hinauf erstreckt und in dem sich eine Vielzahl an Blumen, Gemüsepflanzen und Obstbäumen finden. „Das haben wir alles selbst angesetzt, hier war überall nur Wiese oder Beton“, so Matthias beim gemeinsamen Spaziergang durch das burgenländische Idyll abseits von Trubel und Großstadthektik.

Den Großteil seines beruflichen Lebens verbrachte der freigeistige Künstler im Zentrum des Geschehens, stand selbst jedoch immer im Hintergrund und hielt mit seiner Kamera auf unverkennbare Weise die Protagonistinnen und Protagonisten des öffentlichen Lebens und auch das Drumherum fest. Seit der Gründung des Standard 1988 war er bei der österreichischen Tageszeitung fix als Pressefotograf angestellt und hat aus der von ihm konzipierten Fotoredaktion die österreichische Pressefotografie revolutioniert. “Cremer hat nicht nur wesentlich zum Erfolg des Standard beigetragen, sondern auch durch sein Vorbild die Bildsprache anderer Medien beeinflusst”, so Oscar Bronner, der Gründer und Herausgeber der renommierten Tageszeitung. 

Unter der wärmenden Nachmittagssonne und den anfangs misstrauischen Augen des Hauskaters Timmi, der im Laufe des Gesprächs aber dann doch Streicheleinheiten von mir einfordert, sprechen wir über Matthias’ Beziehung zur Fotografie, über sein allererstes Foto, seinen beruflichen Werdegang, welchen Einfluss die sogenannte Message Control auf die Pressefotografie hat und warum Maria Fekter ungerecht behandelt wurde.

Andreas Kirchner: Kannst Du Dich noch an Dein erstes Foto erinnern?
Matthias Cremer: Ich vermute, das war bei meiner Großmutter – die Mutter meiner Mutter -, die mir irgendwann eine Kamera geschenkt hat. Eine Kodak Instamatic oder sowas. Das habe ich damals sehr ernst genommen, den Film eingelegt, gewusst wie viele Fotos auf dem Ding drauf sind und mir war klar, damit muss ich irgendetwas Wichtiges machen. Dann bin ich auf der Ringstraße herumgegangen und habe alle Ringstraßengebäude fotografiert.

Wie alt warst Du da?
Da war ich acht, neun oder zehn Jahre. Es war eine ziemliche Hacke, ich habe immer nur ein Foto gemacht. Um das abzukürzen: Ich hab’ den Film schlecht eingelegt, es war nichts drauf. 

Also gar nicht so eine gute Starterfahrung mit dem Fotografieren.
Da habe ich dann aufs Fotografieren g’schissen und dachte mir nein, das war’s jetzt. Das waren meine ersten Fotos. Meine Großmutter hatte eine ganz schöne Kamera, eine Kodak Retina mit einem kleinen Blitz. Sie hatte überhaupt einen Hang für technische, schöne Sachen. Später habe ich aber wegen meines Großvaters aus Heilbronn – dem Vater meines Vaters – zu fotografieren begonnen. Er war Kinderarzt im Augsburger Kinderspital, später Chefarzt in Heilbronn. Sie hatten ein bisschen außerhalb von Heilbronn ein Sommerhaus, das sie ausgebaut hatten, nachdem ganz Heilbronn im Krieg zerbombt wurde. Diese Großeltern habe ich nur zweimal in meiner Kindheit besucht. Einmal mit ungefähr dreizehn, vierzehn Jahren. Bei diesem Besuch habe ich bei den Sachen meines Großvaters herumgeschaut und zum ersten Mal eine Spiegelreflexkamera gesehen. Das war ein irrsinniges schönes Ding, eine alte Praktica. Die hat mir schon vom Technischen her gut gefallen. Da dachte ich mir: „Oida, des is sche!“ Ich hab’ sie genommen und angeschaut, da meinte mein Großvater, er schenkt sie mir, ich kann sie haben. Zu dieser Zeit habe ich dann wirklich begonnen zu fotografieren. Gleichzeitig hatten wir in der Schule einen Zeichenlehrer, Michael Wrobel, der ein schräger Vogel, aber sehr aufmerksam war. Mit ihm haben wir Ausflüge gemacht, bei denen nur die mitgegangen sind, die auch wirklich wollten. Die anderen hat er zwar eingetragen, aber er wollte niemanden mithaben, dem es eh nicht taugt. Wir gingen mit ihm Fotografieren. Er hat, heute würde man sagen, Lost-Places-Fotografie gemacht. Wir sind mit ihm illegalerweise in ein altes Chemiewerk in Moosbierbaum eingestiegen. Dort habe ich fotografiert und das waren meine ersten Fotos mit dieser Kamera meines Großvaters. 

Es war also gar nicht von Beginn Deines Lebens klar. Manche beginnen sich ja schon im Kindergartenalter für eine Sache zu begeistern und man kann schon erahnen, wo es hingeht.
Nein, vorher nicht. Mein Vater hatte keine Kamera, meine Eltern hatten tatsächlich nichts. Das Fotografieren wäre zu teuer gewesen. Er hat dann zwar später schon auch fotografiert, aber damals nicht. Es gab aber  noch ein Geschenk meines Großvaters, Jahre früher. Er hatte bei seinen Büchern ein Fotobuch, das hauptsächlich aus Fotos von Magnum-Fotofgraf:innen bestand: „Kinder aus aller Welt“. Dieses Buch gefiel mir so gut und ich habe es so oft angeschaut, dass er es mir dann schenkte und ich es nach Wien mitbekam. Das hat wohl einen Grundstock gelegt.

Was wolltest Du als Kind werden?
Ich hatte überhaupt keine Ahnung. Wenn ich das gefragt wurde, habe ich immer meine Mutter gefragt. Sie meinte, du wirst Maschinenbauingenieur, dann sagte ich auf die Frage Maschinenbauingenieur. Ich hatte keine Ahnung, was das ist. 

Du hattest einen Zwillingsbruder. Hat er gern fotografiert?
Nein. Er hat zwar ein bisschen mit mir mitfotografiert, aber in der Zeit, in der es mich begonnen hat zu interessieren, war ihm das wurscht. Es gibt ein paar Fotos von mir, die kann nur er gemacht haben. 

Wie ging es bei Dir weiter nach dem illegalen Erlebnis mit dem Lehrer?
Mit ihm habe ich viel fotografiert. Er hatte eine Wohnung in Wien in der Margaretenstraße, dort durfte ich regelmäßig in der Dunkelkammer arbeiten. Er hat mir das Fotografieren beigebracht.  Was er gesagt hat, war Gesetz. Irgendwann meinte er, dass Zeitungsfotografie gar nicht so schlecht ist. Das habe ich mir alles gemerkt. Mir hat das Fotografieren so gefallen, weil ich das erste Mal das Gefühl hatte, dass ich das, was ich mir vorgestellt habe, dann auch so als Foto in der Hand halte. Es ist ohne Verluste bis zum Foto gekommen, das war schon sehr faszinierend. Die Bilder habe ich im Freundeskreis herumgezeigt, aber ich habe mir nicht überlegt, dass ich damit Geld verdiene.

Wie wurdest Du zum Pressefotografen, als der Du dann auch Geld mit der Fotografie verdient hast?
Mit achtzehn Jahren bin ich ausgezogen und habe verschiedenste Sachen gemacht. Ich war zehn Jahre in Wohngemeinschaften, bei einem Bauern, einem Tischler, ich habe wirklich sehr, sehr viel gemacht. Irgendwann war mir das zu fad, ich empfand es als ziellos. An dem Punkt dachte ich mir, ich muss meinem Leben ein bisschen Richtung geben. Was mich immer schon interessiert hat, war Chinesisch. Ich habe zwar schon einmal Landschaftsplanung studiert, aber wieder damit aufgehört. Jetzt habe ich begonnen, Chinesisch zu studieren. Das war mein Plan, weil die Sprache und das Land wirtschaftlich in Zukunft immer wichtiger wird und ich mir dachte, dass man damit sicher gut Geld verdienen kann. Zudem interessierte mich die Literatur und die Philosophie auch. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass es aus irgendwelchen Gründen nicht klappt, hatte ich als Plan B die Fotografie. Nach sechs Wochen Chinesisch Studium habe ich erkannt, dass diese Idee ein Irrsinn war.  Aus dem Ding kommst du fünf Jahre nicht hinaus, immer nur büffeln, büffeln und dann kannst du gerade einmal eine Zeitung lesen, geschweige denn Literatur, da müsste man noch einmal fünf oder zehn Jahre dranhängen. 

Hat in Deinem Umfeld jemand Chinesisch gesprochen?
Niemand. Als ich das nach zirka sechs Wochen erkannte, wollte ich das Studium nicht mehr machen und meinte, jetzt fotografiere ich und das war dann mein Einstieg in die Fotografie. Das war 1983, also noch vor dem Standard. In diesem Jahr habe ich beschlossen, ich möchte mein Geld mit Fotografie verdienen. Tatsächlich war es so, dass ich damit begonnen habe und nie wieder mit etwas anderem Geld verdient habe. Zu diesem Zeitpunkt war ich aber schon 28. 

Eine fotografische Ausbildung kam für Dich nicht infrage?
Über eine Ausbildung hatte ich keine Ahnung, ich habe mich umgehört und die einzige Ausbildung, die es für Fotografie gegeben hat, war in der Leyserstrasse die Graphische. Da ich aber schon die Matura hatte und es damals nur die Schule gab, wollte ich mich da nicht mit zehn oder zwölf Jahren jüngere hineinsetzen und das nachmachen. Irgendwer sagte mir, auf der Angewandten ist der Lessing und der ist ein Guter, ich soll doch auf die Angewandte gehen und an seinem Seminar teilnehmen. Mit Lessing habe ich mich sofort sehr gut verstanden, sodass ich binnen kurzer Zeit in dem Seminar die Filme eingelegt und die Kamera bedient habe. Bei ihm daheim habe ich die Traudl, seine Frau, kennengelernt. Sie hat damals für das Time Magazine geschrieben. Nachdem ich sie ein Jahr gekannt habe, habe ich sie einfach gefragt, ob ich nicht fürs Time Magazine fotografieren kann. Sie haben gesehen, wie ich fotografiere und er hat mir dann auch eine Rutsche gelegt. Ich habe gesagt, was ich gern hätte und er hat mir das alles gemacht. Damals gab es in Wien ein ziemlich schön gemachtes Magazin, das Wien Aktuell Magazin, das hing in den Straßenbahnen. Ich habe Lessing gesagt, dass ich für die gern arbeiten möchte, er hat dort angerufen und zack habe ich für die schon begonnen zu arbeiten.

Das war also Dein erster Job, bei dem Du richtiges Geld fürs Fotografieren bekommen hast?
Mein allererster Job für Geld war für den Kurier. Das war aber noch in der Phase, wo ich nie damit gerechnet habe, mit Fotografie mein Geld zu verdienen. Meine Eltern haben Bridge gespielt und ich habe eines der Turniere fotografiert, an dem sie mitgespielt haben. Das war irgendwas Großes und der Kurier hat mir ein Foto um ungefähr 32 Schilling abgekauft.

Die einzigen Fotos, die es von Thomas Bernhard gab,
habe ich ihnen geliefert.

Nicht wissend, dass es sich um ein Omen für Deine Zukunft handelt.
Nein, das war ein Schas-Bild, das war völliger Schrott! Ich bin sehr viel mit dem Fahrrad herumgedüst und habe mir meine Plätze gesucht und fotografiert. Zum Beispiel im 10. Bezirk neben der Triesterstraße die Häuser der Wienerberger-Gründe. Der Ziegelbaron Drasche hat dort seine Leute untergebracht. Am Anfang der Sozialdemokratie hat sich Viktor Adler inkognito unter die Ziegelarbeiter gemischt, die haben damals alle unter den Ringöfen, nur unterteilt durch Vorhänge, gewohnt haben. Das dürfte eine richtige Sklavenarbeit gewesen sein. Er hat eine Reportage darüber geschrieben und daraufhin haben sie Häuser für die Ziegelarbeiten gebaut, quasi Vorläufer zu den Gemeindebauten. Ganz seltsam sind dort diese schönen Häuser an einer Allee bei einem See gestanden. Die habe ich fotografiert, danach haben sie die Häuser abgerissen. Das hat mich so aufgewühlt, dass ich zum Falter gegangen bin und meinte, dass das doch eine G’schicht ist! Armin Thurnher hat recherchiert und die Geschichte dieser Häuser herausgefunden. Das war 1982 der erste Artikel im Falter,  „Wiege der Sozialdemokratie: Planiert“,  bei dem ich Geld verdient habe. Davor habe ich noch vom Verkaufen des Falters gelebt. Es war ein Haufen Fotos von mir und ein schöner, langer Text von Armin Thurnher. Das war meine erste schöne, große Geschichte. In den nächsten Jahren habe ich für den Falter, für Wien Aktuell und fürs Time Magazine fotografiert. Das Time Magazin habe ich ein, zwei mal beliefert, sie waren zufrieden und haben mich dann regelmäßig engagiert.

Was hast Du für das Time Magazine fotografiert?
Alles, was fürs Time Magazine interessant war. Das waren eigentlich seltsame kleine Geschichten, aber auch so große Geschichten wie Tschernobyl, eine Reportage von der Grenze. Da habe ich wunderschöne Fotos verkackt. Ich habe die Sachen gesehen, aber nicht fotografisch, journalistisch gedacht. Das war eine gute Lernphase für mich. Aber ich habe einiges fotografiert, was sie haben wollten. Begonnen hat es mit Thomas Bernhard, das ist eine schöne Geschichte. Die einzigen Fotos, die es von Thomas Bernhard gab, habe ich ihnen geliefert. Er war eigentlich untergetaucht und ich habe ihn zufällig auf der Straße getroffen, ihn angesprochen und fotografiert. Das waren Fotos, die hatte sonst niemand, das war exklusives Material! Der Nachteil beim Time Magazine war, dass sie zwar gut zahlen, aber die Geschichten oft nicht erscheinen. Die hatten so viel Geld, sie haben jede Woche vier, fünf Hefte quasi gleichzeitig produziert. Sie haben geschaut, was die Geschichten sind, die jetzt wichtig sind und dann aus fünf Heften eines gemacht. Da hat Österreich international natürlich oft nicht sehr interessiert. Aber mein großer Durchbruch war Waldheim, der hat sie interessiert. Zum Waldheim-Wahlkampf haben sie mich engagiert.

Zu diesem Zeitpunkt fragt Matthias’ Frau Marion, ob sie das Meisel schon zerteilen soll. Dem folgt ein kurzes Gespräch über das sogenannte „Magere Meisel“, ein Gustostück der Rindfleischküche, und die Schwierigkeit, es zu teilen. 

Wo waren wir? Beim Time Magazine. Waldheim.
Für Waldheim haben sie mich für 450 Dollar einen Tag zum Fotografieren engagiert. 450 Dollar waren super! Fünf Tage haben sie mich engagiert und außerdem zwei Fotografen aus Frankreich eingeflogen. Einen von Gamma und einen von Sigma, die fix immer fürs Time Magazine in Europa fotografiert haben. Beide haben im InterContinental gewohnt, das damals teuerste Hotel in Wien. Mit den anderen Fotografen habe ich mich angefreundet, wir haben uns später in Salzburg getroffen und plötzlich kam einer herein, haut das aktuelle Time Magazine auf den Tisch und sagt: „Matthias, you made it!“ Aber Cover war zwar ein Archiv-Foto Waldheims, im Heft waren aber alle Waldheim-Fotos von mir. Es war die Aufmacher-Geschichte und neben jedem Foto ist Matthias Cremer gestanden! 

Schon ein gutes Gefühl, oder?
Schon ein gutes Gefühl! Das ist ein bisschen dieses Falco-Gefühl! Das Time Magazine ist das größte Magazin mit der weitesten Verbreitung, in dem Du etwas mit Fotografie machen kannst. Mehr geht nicht!

Da müsste man fast danach in Pension gehen.
(lacht) Bezahlt hat das Time Magazine übrigens sehr fair. Sie haben die Pauschale bezahlt und dann immer geschaut, was bei dem Foto rauskommt und das mehr bezahlt. Meistens hat die Pauschale gegriffen, weil es nicht erschienen ist. Aber wenn es erschienen ist, haben sie den Zentimeterpreis aufgezahlt. Gleichzeitig hat mir Lessing auch noch Buchprojekte zugeschanzt. So habe ich für die Edition Tusch ein Jugendstil-Buch fotografiert. „Jahrhundertwende um den Naschmarkt“, Farbfotos von den Häusern. Ihnen habe ich auch vorgeschlagen, ein Buch über den Donaukanal zu fotografieren und sie haben sofort zugesagt. Damals hat mich keine Sau gekannt und auf einem der Bücher ist gestanden „40 Fotografien von Matthias Cremer“. Den Donaukanal habe ich auch schon als Jugendlicher gern fotografiert, vor allem den Fischmarkt, den es dort damals gegeben hat. Der Donaukanal war ein Langzeitprojekt von mir. 880 Schilling hat dieses Buch gekostet, völliger Irrsinn. Es hat einen Preis für das schönste Buch Österreichs und in Leipzig als eines der schönsten Bücher der Welt bekommen, aber es hat sich schlecht verkauft. Bei diesem Buch über den Donaukanal habe ich irrsinnig viel gelernt. Die französischen Bücher waren immer sehr schön gedruckt. Im Zuge des Druckens meines Buches bin ich draufgekommen, was so schön daran war. Die Franzosen haben einen Duplex-Druck gemacht, der anders war als der Wiener Duplex-Druck.

Duplex heißt?
Du fotografierst Schwarz-Weiß, druckst dabei aber nicht nur schwarze Farbe auf weißes Papier, sondern nimmst einen zweiten Grauton und druckst ihn noch dazu. Wie eine Farbfotografie, aber einen zweiten Grauton, das macht sie sehr plastisch. Beim Duplex-Druck in Wien wurde immer ein ganz helles Grau genommen. Wenn man ein normales Schwarz-Weiß Foto hatte, wurde dort, wo es hell wird, damit noch ein bisschen Struktur hineingebracht. Was man eigentlich kaum gesehen hat und vom normalen Schwarz-Weiß-Druck nicht unterscheiden konnte. Bei den Franzosen, die Schwarz und ein kräftiges Grau verwendet haben, hat sich das aber schön verwoben. Das habe ich mir mit einer Lupe angesehen und bin draufgekommen, wie sie das machen. So wollte ich das auch bei meinem Buch machen, die alten Drucker haben das aber nicht gekannt. Bei den Druckern habe mich nach dem Grau erkundigt. Sie meinten, sie haben das normale Grau, da geben sie viermal weiß dazu. Da dachte ich mir, dass es deswegen so g’schissn hell ausschaut. Ich sagte ihnen, sie sollen das weiße Grau hinaushauen und das normale Grau nehmen, dann wird das passen. „Wenn des nix is, miaß ma de ganze Maschin wieder woschn“, entgegnete man mir. Ich habe den Zuständigen eine Viertelstunde überzeugt, er hat sich breitschlagen lassen und es gemacht. Als die erste Seite herauskam, sah ich sofort, dass es pipifein war, es war richtig schön! Jetzt bin ich dagestanden, habe regelmäßig für den Falter, für das Wien Aktuell Magazin und halbwegs regelmäßig für das Time Magazine fotografiert. Nebenbei gab es noch andere Projekte. Mit diesem Paket bin ich so über die Runden gekommen, bis der Standard herausgekommen ist…

…und Oscar Bronner an Deine Tür geklopft hat.
Nein, er hat nicht an meine Tür geklopft, aber ich habe im Falter gelesen, dass es diesen Oscar Bronner gibt, der gerade den Standard gründet. Da habe ich mir gedacht, dass das mein Ding ist, ich will dort hinein! Zuvor habe ich auch versucht, bei der APA zu fotografieren, aber die wollten mich nicht. Ich habe mir gedacht, dass es wahrscheinlich nicht so gut ist, wenn ich als Nobody dort anrufe. Ich warte lieber, bis sie mich anrufen. Und siehe da, tatsächlich, nach drei Wochen ruft mich die Sekretärin von Oscar Bronner an. Als Bedingung kam von ihr gleich vorneweg: „Wir nehmen Sie nur, wenn Sie sich auch anstellen lassen!“ 

Na, wenn’s sein muss.
Das muss ma sich heutzutage vorstellen! Alleine dieser Satz ist völliger Irrsinn. Zum Gespräch bin ich dann mit meinen Arbeiten gegangen. Da hatte ich genau das, was ich dort zum Herzeigen brauchte. Das Buch, den Falter, das Cover des Time Magazine. Mit dem habe ich mich vorgestellt und da haben sie mich mit Handkuss genommen. Vor mir saßen Bronner und Sperl (Anm.: Gerfried) ich habe das Gespräch dramaturgisch aufgebaut. Für den Schluss habe ich mir das Cover des Time Magazines aufgehoben.

Es gibt relativ viele Hindernisse,
bis ein Foto in einer Zeitung ist.

Wie hat sich die anfängliche Arbeit beim Standard gestaltet?
Am Anfang dachten Sie, ich bin der einzige Fotograf, also dass ich mich um alles kümmere, was mit Fotografie zutun hat und damit sei das Kapitel Fotografie im Standard erledigt. Es hat sich binnen kurzer Zeit herausgestellt, dass dem nicht so ist. Darauf hat der Standard eine Frau angestellt, die quasi die Fotoredaktion geleitet hat. Zudem hatten wir kein Foto-Archiv, das wir aber sofort aufgebaut haben. Recht schnell waren eineinhalb Menschen fürs Archiv da, eine Frau für das Redaktionelle und ich habe fotografiert. Irgendwann hat sich herausgestellt, dass ein einziger Fotograf nicht reicht, weil es Terminüberschneidungen gibt. Dann wurde ich beauftragt, einen Fotografen zu engagieren. Daraufhin habe ich ein Konzept entwickelt, nachdem wir die Fotoredaktion gegründet haben, die heute quasi immer noch so besteht. Ich bin da reingekommen und habe das tatsächlich als Einzelperson begonnen. Eigentlich kam ich ja von der Kunstfotografie, ich hatte überhaupt keine Wurzeln in der Pressefotografie. Ich habe das ohne irgendwelche Vorbelastungen gemacht.

Welche Hürden gab es anfänglich zu umschiffen?
Wenn du ein Foto machst, ist es ja nicht damit erledigt, dass du es fotografierst. Es muss auch jemand das richtige Foto aus zehn auswählen und es ins Blatt rücken. Dann muss man auch hoffen, dass nicht jemand im Layout sitzt, der das Foto zurechtschneidet. Es gibt relativ viele Hindernisse, bis ein Foto in einer Zeitung ist. Zum Beispiel wenn ich mir als Fotograf denke, dass gerade das Rundherum das Interessante ist, der Layouter sich aber denkt, das will doch sowieso keiner sehen, das kann sowieso alles weg. Das war gerade am Anfang ziemlich heftig aufgrund der Widerstände der Leute, die aus einem anderen Bereich kamen und es nicht verstanden. Aber ich habe versucht, es möglichst freundlich zu machen. Für mich war das alles ein spannendes, lustiges Abenteuer. Gott sei Dank ist es mir gelungen, dass es tatsächlich eine Linie gibt. Wir waren auch eine gut funktionierende Redaktion. 

Mit dieser Redaktion wurde die österreichische Pressefotografie revolutioniert.
Ein Schlüsselmoment war, als wir in der Redaktion zusammengesessen sind und beschlossen haben, etwas Witziges zu machen. Es wurde das neue Kabinett der Vranitzky-Regierung angelobt, die Waldheim-Affäre war auch gerade aktuell. Normalerweise gibt es das typische Foto der Regierung: Alle sitzen mit Blick in die Kamera, das drucken dann alle Zeitungen. Uns war klar, das geht nicht! Das ist einfach Langeweile pur! Robert Newald ist mit dem Auftrag dorthin und hat gewartet, bis die Fotos gemacht wurden. Im Moment, in dem sich die Situation aufgelöst hat und die einen in die eine Richtung und die anderen in die andere gehen, hat er fotografiert. Man sieht alle Menschen, aber die Situation ist in einer vollkommenen Auflösung. Alle gehen in eine andere Richtung. Günter Traxler hat die Bildüberschrift „Wo geht’s denn hier zu Waldheim?“ gemacht. Das war großartig! Man hatte die Information, wer die Leute und für was sie zuständig sind, aber eben nicht dieses brave Foto dazu. Das Wirtschaft-Ressort hat sich auch einen Spaß daraus gemacht, lauter solche seltsamen Foto von den Pressekonferenzen zu machen. Dadurch war es so offensichtlich, dass wir andere Fotos haben.

Gab es zu dieser neuen Art des Regierungsfotos Reaktionen?
Der Falter hat einen Artikel darüber geschrieben. Sie haben die Fotos, die alle anderen Zeitung verwenden, unserem gegenübergestellt. Sonst gab es keine wirklichen Reaktionen.

Du hast mehrmals Waldheim angesprochen. Wie schwierig ist es, als Pressefotograf Anti- und Sympathie aus dem Spiel zu lassen?
Das ist schwierig, es ist schon eine Herausforderung. Es macht natürlich schon Spaß, wenn du irgendeine Art von Verbindung hast. Wenn dir die Person völlig wurscht ist, ist es g’schissn zu fotografieren. Wenn dir jemand richtig am Arsch geht, ist es auch komisch. Wie zum Beispiel beim Haider. Aber es ist mir lieber, als wenn mir jemand ganz egal ist. Da habe ich lieber irgendeine Art von Bindung.

Aber Du lässt es nicht bewusst einfließen?
Nein, das ganz sicher nicht. 

Maria Fekter war als aktive Politikerin oft Zielscheibe einiger Pressefotografen.
Fekter hat eine lebhafte Mimik, aufgrund der sie oft den Mund oder die Augen verdreht hat. Da hat man ung’schaut 75 Prozent der Fotos weghauen müssen, weil sie einfach vernichtend waren. Als der Standard mit seinen Fotos schon etabliert war, haben sich andere gedacht, dann machen wir jetzt auch etwas Lustiges. Das hielt ich so nicht für gut. Auch bei Merkel war das am Anfang zu sehen. Als sie begonnen hat, haben sie Fotos von ihr gebracht, bei denen ich mich schon gefragt habe. Das war richtig hinterfotzig, das war nicht in Ordnung. Fekter hatte natürlich Sager, die wirklich nicht in Ordnung waren, Arigona und so weiter. Aber es macht auch für dich als Fotografen keinen schlanken Fuß, wenn du solche Fotos rausspielst. Das ist für den Fotografierten und für den Fotografen nicht gut. Natürlich ist das eine Form von Meuchelei. Die Leute schauen nicht so aus, sondern sie wirken am Foto nur so, weil sie sich in diesem Moment in ihrer Mimik so darstellen. Wenn du einen Menschen im Real Life beobachtest, der so redet, siehst du nicht die Momente, sondern den ganzen Fluss. Ich habe wirklich versucht, das nicht zu machen.

Gibt es so etwas wie Fotogenität?
Es gibt ein paar Menschen, die schwierig sind, wie eben Fekter, weil deren Motorik so ausgeprägt ist. Aber es gibt schon Leute, die schauen auf jedem Foto aus, als hättest du Fotoshop benutzt. Kurz zum Beispiel, reine Haut, alles picobello, jedes einzelne Haar. Aber das ist ja nicht der Punkt.

Vor dem Treffen hatte ich schon große Sorgen, ob er vielleicht ein Arschloch ist.

Auf was kommt es beim Fotografieren an?
Dass sich für mich der Mensch am Foto so anspürt, wie im echten Leben. Deswegen bin ich auch ein schlechter Portraitfotograf. In der sogenannten Portraitfotografie bin ich ganz schlecht, in der man sagt „Schauen sie mal nach links! Lächeln Sie einmal!“, das halte ich nicht aus! Natürlich habe ich das gezwungenermaßen immer wieder einmal gemacht, aber im Prinzip ist mein Ding das Dabeisein, das Beobachten und das zu fotografieren, was ich sehe und eben nicht einzugreifen. Was an und für sich ja auch Pressefotografie sein sollte. Es ist ein wirklich gutes Foto, wenn das Gefühl stimmt. Besonders gut ist es, wenn es Spaß macht, das Bild anzuschauen, wenn man in dem Bild eine kleine Reise unternehmen kann. Es ist ja super, wenn man ein Bild anschaut und es einen nicht loslässt. Ein gutes Bild entlässt dich nicht. Es ist schwierig, die Menschen darauf zu bringen, ein Bild länger anzuschauen.

Welcher Fotograf bzw. welche Fotografin beeindruckt Dich?
Henri Cartier-Bresson mag ich sehr. Der Großvater, von dem ich die Kamera bekommen habe, hatte das Buch mit Fotografien von Kindern aus aller Welt. Unter anderem war darin auch ein Foto, das Henri Cartier-Bresson gemacht hat. Als Kind habe ich mir dieses Buch immer und immer wieder durchgeschaut. Bei der letzten Seite habe ich einmal so schnell umgeblättert, weil ich mir ärgerte, dass es schon wieder zu Ende ist, dass es eingerissen ist. Später habe ich  registriert, wer das ist. Dann habe ich mich ein Buch von ihm gekauft und Ausstellungen angeschaut und ihn auch getroffen. Lessing meinte einmal, ob ich Cartier-Bresson kennenlernen will und hat mich ihm vorgestellt. Ich saß dort und konnte kein Wort reden, weil ich dachte, Gott persönlich sitzt vor mir. Er war total lieb. Er hat nicht nur Französisch, sondern auch gut Englisch und Deutsch gesprochen. Deutsch wollte er aber nicht sprechen, weil er kein Freund der Deutschen war. Mit mir hat er Englisch gesprochen und wenn er das Gefühl hatte, ich habe es nicht ganz verstanden, hat er es auf Deutsch nachgeschärft. Vor dem Treffen hatte ich schon große Sorgen, ob er vielleicht ein Arschloch ist. Das wäre schon einiges zusammengebrochen für mich. Aber er war wirklich total nett.

Wie hat sich die Arbeit in der Pressefotografie aufgrund der Message Control verändert?
Message Control ist eine alte Sache, nur die Kurz-Regierung hat es jetzt wirklich übertrieben. Es kommt die Medienkrise dazu, das verschärft es ordentlich. Das heißt die Zeitungen sparen und die Parteien stellen sich ihre Fotografen an und schicken ihre eigenen Fotos gratis aus. Das hat es früher in dieser Form nicht gegeben. Es sollte nicht sein, dass Bilder von PR-FotografenInnen der Politiker direkt in der APA landen. Die APA ist wirklich eine gute Nachrichtenagentur, umso wichtiger ist es, hier endlich klaren Tisch zu machen. Für PR-Texte ist das schon lange umgesetzt: es gibt den OTS Service. Es ist hoch an der Zeit, das auch mit den PR-Fotos so zu handhaben. 

Nach dem Anschlag in Wien hatte das Profil und der Falter Fotos der Chefredakteure am Cover. Du hast damals kritisiert, dass es ein Symptom der Geringschätzung der Pressefotografen ist.
Im Prinzip ist ja nichts dagegen zu sagen, aber auf der anderen Seite, hätte es natürlich auch andere Fotos gegeben. Gerade bei so einer Sache sollte man sich dreißig, vierzig, fünfzig Bilder aussuchen und unbenommen davon, wer sie fotografiert hat, durchgehen und entscheiden, welches auf das Titelblatt kommt. Dass dann ausgerechnet jeweils das Foto des Chefredakteurs genommen wird, ist unwahrscheinlich. Man könnte auch versöhnlich sagen: Ja, auch Chefredakteure können fotografieren.

Welche Bedeutung hat Fotografie für Dich jetzt in der Pension?
Eigentlich wie vorher. Ich muss nicht mehr so viel fotografieren, aber jetzt wird es eh spannend. Gibt es irgendwann noch jemanden, der mich engagieren würde? 

Würdest Du es machen?
Eventuell würde ich es machen, aber ich will mich dafür auch bezahlen lassen. Aber die Frage ist, wer will sich das leisten? Für denn Mateschitz würde ich es nicht machen.

Wobei der wahrscheinlich gar nicht so schlecht bezahlt.
Der Mateschitz zahlt sicher nicht schlecht, aber den kann ich definitiv ausschließen. (lacht)

Pensionsschock ist noch keiner aufgetreten?
Irgendwann habe ich bei einer Pressekonferenz über die Altersteilzeit fotografiert und habe danach gegoogelt und mir gedacht, dass das für mich gar nicht so schlecht wäre. Das habe ich dem Standard vorgeschlagen und wir haben das auch so gemacht. Insofern war der Übergang gleitend. 

Wirst Du eigentlich selbst gern fotografiert?
Das ist ein bisschen komisch. Ich bin aber ziemlich eitel, insofern freue ich mich, wenn ich fotografiert werde. Es ist nicht so schlimm. Die wenigen Male, die ich auf einer Bühne gestanden bin, war es nett, es hat mir Spaß gemacht. 

Vor der letzten Frage habe ich etwas Respekt. Ich frage den Fotografen, ob ich ihn fotografieren darf. Darauf folgen sehr entspannte Minuten, in denen ich während des Plauderns und Spaziergangs durch den Garten immer wieder meine Kamera auf Matthias richte. Hier entsteht, neben einigen anderen Fotos, auch das Titelfoto zu diesem Interview. 


 

Meine Empfehlungen: